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Resilienz heißt auch, dem Konformitätsdruck widerstehen zu können

Autorenbild: Verena Reuter
Verena Reuter
26. Okt.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen


Das Schaf mit dem Wollpulli Teil 2: Warum innere Widerstandskraft uns hilft, unseren eigenen Weg zu finden

Wenn wir von Resilienz sprechen, denken viele zuerst an die allgemeine Definition von Resilienz: mit Belastungen umzugehen und sich nach schwierigen Zeiten wieder zu erholen. Dazu gehören körperliche Regeneration, emotionale Regulation und die Fähigkeit, mental wieder ins Gleichgewicht zu finden.

Doch Resilienz zeigt sich auch darin, wie wir mit dem Druck umgehen, uns anzupassen. Sie kann uns helfen, Erwartungen zu hinterfragen und die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen – besonders dann, wenn wir spüren, dass das, was von uns erwartet wird, nicht zu dem passt, was in uns lebendig ist.

Nehmen wir unser Schaf, das du vielleicht schon im letzten Blog-Beitrag kennengelernt hast. Vorab gesagt: die Metapher trägt nur in Teilen, aber zeigt recht anschaulich verschiedene Aspekte um die es hier geht. Das Schaf in dem Bild trägt einen bunten Wollpullover. Warum es diese außergewöhnliche Oberbekleidung trägt, ist zunächst nicht von Bedeutung. Vielleicht einfach nur, weil der Pulli ihm gefällt und es keine Lust mehr hatte, Tag für Tag in der gleichfarbigen Wolle herumzulaufen. Und dieses Schaf steht nicht nur mitten in der Herde und grast. Es hat andere Pläne. Es hat über seine Möglichkeiten nachgedacht, möchte schneller sein, mehr von der Welt sehen und hat sich ein Motorrad zugelegt. Es gehört noch dazu – und hat sich trotzdem dazu entschieden, anders auszusehen und anders zu leben. Und vielleicht liegt genau darin die Frage, um die es in diesem Bild geht: Wie viel Eigenständigkeit können wir uns bewahren, wenn ringsum alle gleich aussehen und in dieselbe Richtung laufen?

Ich möchte das Resilienz-Verständnis daher um eine weitere Ebene erweitern: Unsere persönliche Resilienz kann uns auch helfen, dem Konformitätsdruck zu widerstehen – und die eigene Urteilskraft zu behalten, wenn Gleichförmigkeit zur Norm wird.

Der Gleichschritt, den wir kaum bemerken

Konformität entsteht nicht immer nur durch ausdrückliche Forderungen. Meist braucht es niemanden, der sagt: „Mach es genauso wie alle anderen.“ Es reicht, dass bestimmte Normen ständig sichtbar sind und als selbstverständlich gelten.

Ein guter Lebenslauf folgt dann einer bestimmten Reihenfolge und Erfolg sieht auf eine bestimmte Weise aus. Bestimmte Entscheidungen gelten als vernünftig, andere als ungewöhnlich oder unrealistisch. Was viele tun, wirkt schnell wie der einzig mögliche Weg.

So können wir beginnen, mitzulaufen, ohne uns bewusst dafür entschieden zu haben. Nicht unbedingt aus Angst vor dem Urteil anderer, sondern weil die Richtung längst vorgegeben scheint. Wir übernehmen Vorstellungen, bevor wir geprüft haben, ob sie zu uns passen. Und wir halten das Vertraute womöglich für das Natürliche.

Wenn aus Orientierung Uniformität wird

Gemeinsame Regeln und Vereinbarungen geben dem Zusammenleben Halt und sind überall dort unabdingbar, wo mehrere Menschen zusammenleben. Sie erleichtern Zusammenarbeit und schaffen Orientierung. Problematisch wird es, wenn eine bestimmte Form des Lebens zur allgemeinen Messlatte wird und andere Möglichkeiten kaum noch vorstellbar sind.

Dann verengt sich der Blick und der "Weidezaun" scheint irgendwann unüberwindbar. Wir vergleichen uns mit den üblichen Stationen und fragen, ob wir mithalten. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten, Bedürfnisse, Werte und Lebensbedingungen haben. Ein Weg, der für viele stimmig ist, muss nicht für alle passen.

Uniformität verspricht Übersichtlichkeit. Sie macht Lebenswege vergleichbar und Entscheidungen scheinbar einfacher. Doch sie kann auch unsere eigene Kreativität ausblenden: andere Rhythmen, andere Prioritäten, andere Ideen davon, was ein erfülltes Leben ausmacht.

Resilienz als Fähigkeit, innezuhalten

Dem Konformitätsdruck zu widerstehen bedeutet nicht, grundsätzlich gegen die Mehrheit zu sein. Es heißt auch nicht, aus Prinzip einen möglichst ungewöhnlichen Weg zu wählen. Innere Widerstandskraft zeigt sich vielmehr darin, innezuhalten, bevor wir eine Richtung übernehmen.

Wir können fragen: Ist das wirklich mein Ziel? Welche Annahmen stecken hinter meiner Vorstellung davon, was ein gelungenes Leben ist? Habe ich diesen Weg gewählt, weil er zu meinen Werten passt – oder weil er als der normale Weg gilt? Oder kurz: Möchte ich das und entscheide mich bewusst?

Solche Fragen öffnen den Raum zwischen dem, was alle tun, und dem, was wir selbst für richtig halten. In diesem Raum können neue Möglichkeiten auftauchen. Vielleicht zeigt sich, dass eine vertraute Option tatsächlich die eigene ist. Vielleicht wird aber auch ein ganz anderer Lebensentwurf denkbar.

Die eigene Möglichkeit entdecken

Wenn wir nicht automatisch mitlaufen, können Ideen entstehen, die zu einem anderen Leben führen. Vielleicht möchten wir anders arbeiten, anders wohnen, anders mit Zeit umgehen oder andere Formen von Gemeinschaft gestalten. Solche Vorstellungen müssen nicht sofort zu einem konkreten Plan werden. Zunächst reicht es, sie überhaupt als Möglichkeit wahrzunehmen.

Dafür brauchen wir Selbstvertrauen, aber auch Offenheit: die Bereitschaft, Gewohntes zu überprüfen und nicht jede Abweichung sofort als Fehler zu deuten. Resilienz kann uns dabei unterstützen, mit Unsicherheit umzugehen, während ein eigener Weg erst Kontur gewinnt.

Das bunte Schaf im Wollpullover muss sich nicht von der Herde lösen, um anders zu sein. Es kann dazugehören und zugleich seine eigene Farbe tragen. Und wenn es möchte, auch Motorrad fahren, solange es kein anderes Schaf umfährt. Vielleicht ist das eine wichtige Form von Selbstführung: verbunden zu bleiben, ohne die eigene Lebensgestaltung dem Gleichschritt zu überlassen.


Bild KI-generiert.

 
 
 

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