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Ist Stress überhaupt messbar?

Autorenbild: Verena Reuter
Verena Reuter
8. Aug.
5 Min. Lesezeit


Wer über Stress spricht, spricht meistens über ein Gefühl. Über Druck, über Erschöpfung, über das Gefühl, dem eigenen Leben hinterherzulaufen. Das ist berechtigt, denn genau so wird Stress erlebt. Nur ist damit noch nichts darüber gesagt, was im Körper geschieht, während es geschieht.

Die verbreitete Annahme lautet: Stress ist subjektiv, also entzieht er sich der Messung. Man kann ihn erfragen, einschätzen, auf einer Skala von eins bis zehn markieren — mehr nicht. Diese Annahme ist halb richtig, und die Hälfte, an der sie nicht stimmt, ist die interessantere. Das Erleben von Stress ist tatsächlich nur durch Auskunft zugänglich. Die Spuren, die anhaltende Belastung im Körper hinterlässt, sind es nicht.

Es gibt also zwei Zugänge. Beide sind nötig, und keiner ersetzt den anderen.


Der erste Zugang: das Erleben

Ich frage. Ich arbeite mit Fragebögen, mit Skalen, mit einer sorgfältigen Erhebung dessen, was jemand über die eigene Lage sagen kann — und ich halte das für den wichtigeren der beiden Wege.

Der Grund liegt in der Sache selbst. Stress entsteht nicht durch eine Anforderung an sich, sondern durch die Bewertung, die ihr gegeben wird. Ob etwas als machbar oder als zu viel eingeordnet wird, entscheidet darüber, ob das System in Alarm geht. Zwei Menschen in derselben Situation können völlig unterschiedlich reagieren, weil sie die Situation unterschiedlich lesen. Diese Innenseite ist über keine Analyse zugänglich. Sie ist nur über den Menschen selbst zugänglich, der sie bewohnt.

Ein guter Fragebogen tut dabei mehr, als Daten zu sammeln. Er richtet die Aufmerksamkeit auf Dinge, über die man im Alltag hinwegsieht. Er macht Muster benennbar, für die vorher kein Wort da war — und häufig ist das Benennen bereits der erste Schritt der Veränderung. Was hier entsteht, ist eine Momentaufnahme der eigenen Wahrnehmung; sie ist nicht weniger wert als ein Laborwert, sondern von anderer Art.


Der zweite Zugang: der Körper

Parallel dazu lassen sich körperliche Größen bestimmen, die unabhängig davon existieren, wie jemand seine Lage einschätzt.

Die Herzratenvariabilität beschreibt die feinen Schwankungen zwischen zwei Herzschlägen. Sie ist ein Maß dafür, wie beweglich das autonome Nervensystem zwischen Anspannung und Erholung wechseln kann. Ein System, das über längere Zeit unter Spannung steht, verliert diese Beweglichkeit — der Puls wird regelmäßiger, nicht ruhiger. Das lässt sich messen, und es lässt sich über Zeit verfolgen.


Der oxidative Stress und die epigenetische Ebene

Der oxidative Stress betrifft eine andere Ebene. Der Zellstoffwechsel produziert reaktive Sauerstoffverbindungen; das ist normal und wird durch antioxidative Systeme abgefangen. Unter anhaltender Belastung kippt dieses Gleichgewicht. Es entstehen mehr Oxidantien, als das System neutralisieren kann, und die Folgen bleiben nicht folgenlos: Zellmembranen, Mitochondrien und Erbmaterial nehmen Schaden. Bemerkenswert daran ist, dass hier eine biologische Größe sichtbar wird, die vom Erleben unabhängig ist. Man kann sich gut fühlen und eine erhöhte Belastung aufweisen. Chronische Belastung verändert nicht die Gene selbst, aber ihre Ablesbarkeit. Es gibt mehrere Mechanismen, über die der Körper reguliert, welche Erbinformation in welchem Maß in Zellfunktion übersetzt wird — Methylierungsmuster gehören dazu, und ebenso microRNAs: kurze, nicht codierende RNA-Moleküle, die steuern, welche Bauanleitung tatsächlich abgelesen wird und welche stillgelegt bleibt.

Genau hier setzt die Messung an, mit der ich arbeite. Der oxidative Stress wird nicht über einen einzelnen chemischen Wert bestimmt, sondern über ein Muster von microRNA-Markern — also über die Frage, wie das Zellsystem seine Schutz- und Reparaturprogramme gerade reguliert. Das ist ein Unterschied, der mehr ist als Methodik: Ein klassischer Laborwert zeigt einen Stoff. Ein miRNA-Profil zeigt eine Regulationslage.

Zwei Eigenschaften machen diese Ebene für meine Arbeit besonders interessant. Erstens reagieren microRNAs vergleichsweise schnell auf veränderte Bedingungen — sie bilden nicht die Lebensgeschichte ab, sondern den aktuellen Betriebszustand. Zweitens, und das ist der eigentliche Punkt: Sie sind nicht endgültig. Was sich unter Belastung verschoben hat, kann sich unter veränderten Bedingungen zurückverschieben. Schlaf, Bewegung, Ernährung, Regulationsfähigkeit — das sind keine weichen Faktoren, die man zusätzlich empfiehlt. Sie sind die Stellgrößen selbst.

Die Forschung zu microRNA als Biomarker ist jung, und man wird in einigen Jahren genauer wissen, welche Muster wie präzise zu lesen sind — die Richtung aber ist deutlich, und die Datenlage zur Beeinflussbarkeit epigenetischer Regulation durch Lebensstil ist inzwischen belastbar.


Das Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6 schließlich beschreibt weniger einen Stresswert als eine Ausgangslage. Es zeigt, wie gut der Körper mit den Bausteinen versorgt ist, aus denen er seine entzündungsregulierenden Signalstoffe herstellt — also mit welchen Voraussetzungen er Belastung überhaupt begegnet.


Wenn beide Seiten nicht übereinstimmen

Der eigentlich aufschlussreiche Moment tritt ein, wenn Selbstauskunft und Befund auseinandergehen.

Jemand beschreibt sich als belastbar, gut organisiert, im Griff — und die Werte zeigen ein System, das seit Längerem nicht mehr heruntergefahren ist. Oder umgekehrt: Jemand erlebt sich als am Ende, und die körperlichen Größen sind unauffällig. Beides kommt vor, und in beiden Fällen ist die Differenz selbst die Information. Nicht weil eine Seite recht hätte und die andere sich irrt, sondern weil sichtbar wird, dass zwei Ebenen unterschiedlich sprechen.

Im ersten Fall ist häufig eine Funktionsfähigkeit im Spiel, die zur zweiten Natur geworden ist. Im zweiten Fall liegt das Gewicht woanders — bei Bedeutungen, Rollen, Ansprüchen, die (noch) nicht am Körper ablesbar sind, aber deshalb nicht weniger schwer wiegen.


Was ein Wert nicht leisten kann

Ein Befund erstellt keine Diagnose. Er sagt nicht, was du tun sollst, und er sagt schon gar nicht, wer du bist. Er beschreibt einen Zustand zu einem Zeitpunkt, unter den Bedingungen dieses Zeitpunkts.

Und er hat eine Eigenschaft, mit der sorgsam umzugehen ist: Zahlen wirken objektiv, und deshalb wiegen sie schwerer, als sie sollten. Ein Wert, der als Urteil gelesen wird, erzeugt genau das, was er messen soll: Stress. Wer sich nach einem Befund unter Druck gesetzt fühlt, hat nichts gewonnen. Dieser Aspekt ist mir in meinem Coaching sehr wichtig und er kann nicht genug betont werden.

Ein Befund ist eine Standortbestimmung, kein Leistungsnachweis.

Ich messe nicht viel und nicht ständig. Sinnvoll finde ich eine Standortbestimmung zu Beginn — und, wenn sich etwas verändert hat, eine Wiederholung. Nicht mehr.

Der Grund ist einfach: Ein Wert wird erst dann nützlich, wenn er in eine Richtung übersetzt wird. Regulieren. Ablegen. Aufbauen. — dieser Dreiklang bestimmt meine Arbeit, und ein Befund kann zeigen, wo der Schwerpunkt gerade liegen sollte. Ein System, das nicht mehr herunterfährt, braucht zuerst Regulation. Eine Belastung, die von außen kommt und nicht zur eigenen Geschichte gehört, will abgelegt werden. Und wo Substanz fehlt, wird aufgebaut.

Der Wert ersetzt diese Arbeit nicht. Er zeigt nur genauer, wo sie anfängt.


Über ein Partnerlabor, einem professionellem Anbieter für GESUNDHEIT, PRÄVENTION, BERATUNG UND LONGEVITY in Österreich, sind ergänzend Laboranalysen möglich — unter anderem ein epigenetisches Stresspanel auf Basis von microRNA-Markern. Auch die Bestimmung des Omega-3-/Omega-6-Verhältnisses ist über Selbsttests für zu Hause ein unkompliziertes Testverfahren. Bei Interesse sprich mich gerne an.

 
 
 

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