Stress durch Anti-Stress-Programm

Sechs Monate Selbstfürsorge Warum mich ein Programm gegen Stress am Ende erschöpft hat
Ich habe einmal an einem halbjährigen Programm zur Stressreduktion teilgenommen. Es war gut gemacht, fachlich sauber, mit Sorgfalt aufgebaut. Ich sage das voraus, weil das, was folgt, keine Abrechnung mit einem Anbieter ist. Es ist eine Beobachtung über eine Form.
Zum Programm gehörte u.a. ein Workbook und eine tägliche Meditation. In dem Workbook war für jeden Tag etwas vorgesehen: eine Reflexion, eine Übung, ein Eintrag zur Dankbarkeit. Nichts davon war unvernünftig. Jedes einzelne Element hätte ich, wäre es mir an einem beliebigen Dienstag begegnet, für hilfreich gehalten.
In den ersten Wochen war es das auch. Ich schrieb, ich las nach, ich meditierte und ich bemerkte Dinge an mir, die ich vorher übersehen hatte. Dann wurde aus der Übung ein Punkt auf einer Liste. Und irgendwann saß ich um zwanzig vor zwölf am Küchentisch und suchte nach drei Dingen, für die ich an diesem Tag dankbar gewesen war, weil die Seite sonst leer geblieben wäre.
Das ist der Satz, an dem ich mich seither festhalte, wenn ich über mein eigenes Angebot nachdenke: Ich habe Dankbarkeit erledigt.
Was schiefging, war nicht der Inhalt
Es lag nicht an den Übungen. Es lag daran, dass das Programm eine Verlaufsform hatte. Es gab Tage, und Tage kann man versäumen. Es gab eine Reihenfolge, und Reihenfolgen kann man verlieren.
Als ich zum ersten Mal zwei Tage ausließ, war ich nicht erholt, sondern im Rückstand. Ich holte nach – und schrieb rückwirkend Empfindungen auf, an die ich mich nicht erinnerte. Beim zweiten Mal holte ich nicht mehr nach. Beim dritten Mal hörte ich auf.
Zurück blieb kein neutrales Ergebnis. Zurück blieb ein Beleg dafür, dass ich nicht einmal die Erholung durchgehalten habe. Ich habe im Antt-Stress-Programm versagt, weil es zu stressig wurde. Es integrierte sich nicht in einen ohnehin schon vollgestopften Alltag.
Und genau darin liegt die Sache: Ein Programm, das mich vom Leistungsdenken befreien sollte, hatte mir eine weitere Gelegenheit gegeben, an einem Maßstab zu scheitern. Es hat mich nicht entlastet. Es hat den Ort verlagert, an dem ich zu genügen hatte.
Die Form widerspricht dem Inhalt
Ich glaube nicht, dass das ein Einzelfall war. Ich halte es für die Grundschwäche eines ganzen Marktes.
Das meiste, was heute unter Selbstfürsorge angeboten wird, ist der Struktur nach dasselbe wie das, wovon es befreien will: ein tägliches Pensum, ein Nachweis, ein Fortschritt, der dokumentiert werden möchte. Man wechselt den Gegenstand und behält die Logik. Statt Zielen erfüllt man Übungen, statt Kennzahlen führt man Tagebuch. Der Anspruch bleibt derselbe, er trägt nur weichere Kleidung. Und die Erschöpften, die diese Angebote ansprechen sollen, sind ausgerechnet jene Menschen, die am zuverlässigsten alles zu Ende bringen, was ihnen vorgelegt wird – bis auch das sie aufbraucht.
Ein Format, das versäumt werden kann, erzeugt bei diesen Menschen zwangsläufig Schuld. Kein einleitender Hinweis hilft dagegen. Wer schreibt, das sei alles ganz freiwillig und man solle sich bloß nicht unter Druck setzen, hat den Druck bereits gebaut und stellt nur ein Schild davor.
Was daraus folgt
Ich habe deshalb eine Entscheidung getroffen, die dem widerspricht, was üblicherweise geraten wird.
Ich werde kein Tagesprogramm anbieten. Nichts, das eine feste Abfolge von irgendetwas hat. Nichts, das gestern hätte geschehen sollen. Was ich entwickle, muss sich an einem einzigen Maßstab messen lassen: Kann man es weglegen, ohne dass etwas verloren geht?
Eine Frage, die man einmal beantwortet und dann liegen lässt, erfüllt diesen Maßstab. Ein Satz, den man an einem Donnerstag liest und drei Wochen später wieder – auch. Was ich für ausgeschlossen halte, ist der Kalender. Nicht weil Konstanz nichts wert wäre, sondern weil sie sich nicht verordnen lässt, am wenigsten bei einem Nervensystem, das ohnehin schon im Alarm steht.
Es steckt darin auch eine Zumutung an mich selbst. Etwas anzubieten, das man jederzeit fallen lassen darf, ist geschäftlich unklug. Bindung entsteht durch Verpflichtung, das weiß jeder, der so etwas verkauft. Aber ich möchte nichts herstellen, das seinen Zweck nur erfüllt, solange jemand sich zusammenreißt.
Erschöpfung entsteht nicht durch zu wenig Selbstfürsorge. Sie entsteht durch zu viel Anspruch – und ein Anspruch bleibt einer, auch wenn er sich Achtsamkeit nennt.
Erst räumen, dann nähren. In dieser Reihenfolge, und nicht umgekehrt.
Reconnect beginnt mit Ablegen.




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